Ekel

Sonntag, 20. August 2006

Spezielle Anatomie

gh2279
Eine halbe Hühnerleiche knusprig braun.
Würzig duftend und herrlich dampfend.
Ein Schnitt und der Thorax ist freigelegt. Knorpelverbindungen deutlich erkennbar, alle Muskelansätze.
Ein leichter Schnitt und der große Brustmuskel ist vom Rest entfernt, in kleine Teile zerschnitten und dazu die knusprige Haut.
Schnell ist nur noch das Gerippe übrig.
Wir kommen zum Bein.
Lateral ein schöner großer Muskel, der in den proximalen Bereich einstrahlt.
Tief gebeugt verfolgen die Blicke den Muskelverlauf bis zum Ursprung.
Gelenkkapsel mit einstrahlender Sehne. Und da, die Knorpelverbindungen, eine syndesmotische Interossaverbindung.
Prächtige Rollhügel und Höcker. Da! Ein Muskelansatz an der Margo xy und dort, ein enden zweier Lippen an zwei Epicondylen.
Faszinierend.
Da!
Ein dreiköpfiger Muskel!
Ein Schnitt und das Gelenk ist freigelegt, noch ein Schnitt und die Sehne ist abgetrennt.
Sauberer Schnitt, perfekt.
Wie diese Sehne ohne brechenden Übergang am Muskel ansetzt und dieser in drei Köpfen endet.
Wo genau ist wohl der Muskelansatz?
Das Messer gleitet vorsichtig unter den lateralen Muskelkopf auf dexter.
Hebt und und legt einen Blick auf Faserverläufe frei.
Quer gestreifte Muskulatur.

Langsames Aufrichten, kurze prüfende Blicke umher.
Was war das?
Bisher war ein Huhn immer etwas, was nicht all zu viel Verdrängung benötigte, um es dem Magen zuzuführen.
Ein einziger Klumpen Fleisch.
Nun erkenne ich alles, einzelne Muskeln, ihre Bedeutung, ihre Zusammenarbeit.
Vor mir ein obduziertes halbes Huhn, das Bein in Einzelteile zerlegt, der Rest Knochen und Anhängsel.
Ich gehe und finde pervers was ich gedankenversunken da eben getan habe.
Zwei Tage später versuche ich ein Hühnchen zu essen.
"Nicht dran denken, was es ist. Nicht hingucken. Nicht nachdenken."
Es klappt nicht.
Mir wird übelst übel.
Ich verlasse das Restaurant und zittere.
Auf Fleisch verzichte ich ohne Mühe, ich wollte mich nur daran "gewöhnen" welches zu essen.
Ein dummer Gedanke flüsterte mir immerzu ins Ohr:
"Wie willst du in der Anatomie und in der Pathologie dieses Jahr stehen, wenn du dich schon vor Fleisch ekelst???"
gh2159
In unserer Küche wurden in Kindheitstagen halbe blutige Rinder zerlegt und von Knochen getrennt.
Mein Nervus Vagus reagierte daraufhin nach Einnahme von Fleisch mit sofortigem Würgereflex und stundenlanger Übelkeit.
Was eintrat war völlige Verweigerung.
Meine Familie zeigte keinerlei Verständnis und so kam es zu reinem Beilagenessen oder keinem Essen.
Ich blieb dabei, ich konnte es auch nicht.
Huhn schmeckt, Roastbeef und Cordon Bleu und Würstchen und Aufschnitt.
All diese Herrlichkeiten, die einem keine Probleme bereiten, solange man ignoriert, was man gerade isst.
Manchmal geht es, manchmal nicht.
Eine Fleischabteilung im Supermarkt ist für mich ein Leichenschauhaus.
Ich kann das eingeschweißte Blut nicht riechen, nicht sehen.
Zunge, Rippchen, Fett und Magen, ganze Schnauzen.
Ich kann Fleisch zubereiten und es macht mir nichts aus, wenn jemand in meinem Bei-Sein solches isst und auch nicht, wenn ich nach einem solchen Imbiss geküsst werde.
Manchmal habe auch ich perverse Gelüste und denke nur kurz an das Tier, das da vor mir auf dem Teller liegt.
Einmal hatte ich morgens um 10 Uhr Lust auf Mettwurstbrötchen mit Zwiebeln.
Damit habe ich mich in eine Politologievorlesung gesetzt und bekam harsche Kritik meiner Nachbarn und Vor - / Hintersitzer.
Einmal kam ich morgens um 5 Uhr von der Arbeit und kochte noch schnell Spaghetti Bolognese.
Es ist pervers und so etwas passiert nur selten und nur, wenn ich riesigen Hunger verspüre.
Sonst purer Ekel.
Ich bin ja gespannt, wie das Ganze nächstes Jahr ausschaut, ob ich dann je wieder Fleisch essen werde, ohne an Anatomie zu denken.
Oder aber ich werde von meinem Ekel befreit?
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( Lied: singe ich seit Stunden, Bilder: von einem meiner Lieblingskünstler)
Quelle: Helnwein

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