Literatur

Freitag, 11. August 2006

Assia Djebar

Mein Magen schreit mich an. "Will baguette! Sofort! Hunger!"
In einer Querstraße des Boulevard Belleville, bei der Rue de la République des 20. Arrondissement, in der Rue de Tlemcen, finde ich ein kleines Bistro mit gläsernen Vorbau.
Ich setze mich direkt ans Fenster um die draußen sitzenden zu beobachten.
Draußen sitzt eine Frau mit dunklem Teint und lockigem Haar. Sie trägt ein hübsches Kleid und sieht recht exotisch aus. Ihre kleine Tochter zieht sie die ganze Zeit am Arm und möchte die voll Aufmerksamkeit während sie vertieft in ein Gespräch mit dem Mann ist, der ihr gegenüber sitzt. Wenn sie lacht wirft sie den Kopf ein wenig zurück und strahlt, als hätte sie gerade geheiratet.
Ich muss mitlachen und mache mir ein paar Notizen auf einer Papiertüte meiner Postkarten. Ab und an zeichne ich jemanden.
Erst jetzt bemerke ich die Frau, die links neben mir sitzt.
Sie sieht faszinierend aus. Ihr Gesicht ist geprägt von Falten und Leben.
Sie strahlt etwas aus, Geist, vor allem ihr stolzer Gesichtsausdruck, ihre Gestik.
Sie wirkt zufrieden und blättert langsam in ihrem Spiralblock.
Jede Seite ist vollgeschrieben mit blauem Kugelschreiber. Rechts und links Randbemerkungen in quer. Sie schreibt kreuz und quer und verbessert mal hier mal da.
Mein baguette avec du jambon et du beurre kommt und der Kellner redet auf mich ein, dass ich mehr trinken muss, bei den Temperaturen, da es sonst für meinen Körper gefährlich sei.
Ich erkläre ihm, dass mein Wasserhaushalt in Ordnung ist, aber er lässt sich nicht bremsen.
Ich esse und notiere weiter.
fotodjebar
Sie spricht mich an, sagt, dass sie mich beobachtet habe und fragt aus welchem Quartier ich stamme.
Ich weise sie darauf hin, dass ich lediglich eine Touristin de l´Allemagne bin und leider nirgendwo hier wohne.
Sie sieht mich erstaunt an und nimmt ihre Brille ab, sagt das ich sehr gut französisch spreche und hübsch sei. Bei ihren Beobachtungen habe sie festgestellt, dass ich gut in ein flämisches Bild passe, da ich ein harmonisches Gesicht habe.
Ich lächle verlegen und bestreite meine Sprachkenntnisse, die sie behauptet entdeckt zu haben.
Sie fragt nach meinem Alter und meinem Namen.
Ich sage, sie solle raten, meinen Namen nenne ich.
Sie rät richtig, auf Anhieb und erzählt von ihrer Tochter, dass sie es interessant findet, wie ich Menschen beobachte. Sie verbringe ihre Zeit in Paris damit.
Ich frage ob sie eine Schriftstellerin ist und sie erzählt von ihren Büchern.
Nun ja, denke ich, vielleicht schreibt sie für sich, wenn sie berühmt wäre, würde sie sich nicht einer solchen facon de vivre hingeben. Sie wirkt wirklich sehr exotisch, algerisch.
Ich liebe ihre Stimme auf Anhieb. Ich liebe diesen Klang jeder einzelnen Silbe, jeder Floskel, jedes kleinen Lautes. Ich liebe es, wie sie ein "ul" ausspricht und "je".
Sie hat wunderschöne Augen, in denen viel Kreativität und Leben zu stecken scheint. Sie muss schon viel erlebt haben. Sie sind so tief und geschwungen, es ist herrlich sie zu beobachten. Ich frage mich, wie sie wohl in ihrer Jugend aussah.
Als könne sie meine Gedanken lesen, sagt sie, sie sei auch einmal so joli gewesen wie ich, als sie in meinem Alter war.
Sie riecht angenehm süßlich.

-Wissen Sie, ich stamme eigentlich aus Algerien.
- Aha, Sie sind Camus´ L´étranger von heute (wahrscheinlich nur gebildeter , ich lache)
-Ja...(sie lacht ebensfalls und lächelt mich an und legt ihren Kopf leicht seitlich)
Es ist irgendwie eine besondere Atmosphäre da, sodass ich fast mein Essen vergesse.
-Was machen sie im realen Leben, außer Menschen studieren?
Ich erzähle es ihr. Sie zieht die AUgenbraue interessiert hoch und stellt sofort eine Frage nach der anderen. Welches Fachgebiet ich anstrebe und lacht begeistert, als ich es ihr sage.
Sie begeistert sich dafür und findet es sehr interessant.
Sie selbst schreibt Romane und erzählt von einer Lesung in Essen.
Wir sprechen über Literatur und Politik.
Über das triste Deutschland und Frankreich. Über das Verkommen der Stadt und der Kultur.
Über Sprache und Sprachentwicklung.
Ich mag Deutschland nicht und ich bekomme immer öfter das Gefühl ausreißen zu müssen. Nicht mehr diesem tristen Trott nachgehen (den ich zwar nicht führe, aber Deutschland an sich ist ein "Trott").
Deutschland ist fad, wie eine Suppe, die nicht gewürzt wurde.
Die großen Geister, Literaten und Künstler sind und mit dem Krieg fast gänzlich an die Staaten verloren gegangen.
Heute weisen wir depressive Künstler vor, die früher oder später Selbstmord begehen, sich in Alkohol ertränken oder auswandern.
Wo bleibt die Literatur? Wo die Kunst? Und die Lebenslust?
Ich meine, wir haben es hier wirklich gut. Lebensmittel in Hülle und Fülle zu günstigen Preisen, gemäßigtes Klima usw..hier zu leben ist nicht grausam...
Aber was passiert am Wochenende bei gutem Wetter? Man sieht Männer in Reih und Glied in einer Nachbarschaft ihre Autos waschen, oder den Rasen mähen.
Die meisten leben im Trott, fahren einmal im Jahr in ein All inclusive Hotel, engagieren sich nicht politisch oder kulturell, sozial etc.. Sie verdienen Geld und geben es wieder aus, bis ihnen selbst das Leben ausgeht.
Wir verlieren uns im Gespräch. Heute erfahre ich, dass diese interessante Frau, die genau versteht was ich meine, Journalistin für ein politisches Magazin war und Regisseurin von Dokumentarfilmen.
Sie flucht über Paris und die Politik der Neuzeit. Sie verflucht die Nachkommen der Grandes Ecoles, die keiner schöpferischen Vorstellungen haben und verändern, sondern verwalten und Verwaltung aufbauen.
Heute erfahre ich, dass sie selbst auf der Eliteschule des Landes war. Sie war die erste algerische Frau, die in der École Normale Supérieure aufgenommen wurde!
Sie hat dort studiert, wo Führungsköpfe von Politik, Wirtschaft und Forschung studiert haben.
Ich kann es kaum fassen. Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Pompidou!!!!!!!
Oder aber auch Louis Pasteur. Ich kann es heute kaum glauben. Es ist, als sei das Geschehene wie ein Traum.
Ich erfahre, dass diese Frau, mit all ihren modernen, emanzipierten, kritischen und intelligenten Gedanken eine Schülerin der ENS war.
Ich bewundere de Beauvoir, ich mag Francoise Sagan und sie wird die Francoise Sagan des Maghreb genannt!
Ich liebe guten Journalismus, ich schwärme für solchen Geist.
Schon während des Gespräches muss ich die ganze Zeit lächeln, ich finde sie wunderbar.
Ihr brillenetui ist golden, aus Metall und hat eine außergewöhnliche Form. Es ist an beiden Enden kugelförmig ausgebeult. Ihre Hände sind interessant und formen langsame, harmonische Bewegungen.
Ich mag es, wie sie manchmal die Brille abnimmt und das Ende des linken Bügels zwischen die Lippen nimmt und mir zu nickt.
Sie trägt ein hübsches Kleid und erzählt mir von einer Pâtisserie, in der Rue de la République, welche algerische Spezialitäten herstellt.
Später werde ich diese aufsuchen und die Köstlichkeiten probieren. Wirklich empfehlenswert dieser Geschmack. Ich lasse den ersten Bissen langsam auf der Zunge zergehen. Alles schmeckt so herrlich. So aromatisch, so frisch und würzig und zugleich süß.
Sie berichtet vom Restaurant "Les quatres frères", welches das günstigste und zugleich eines der besten Restaurants der Stadt sein soll.
Sie zeigt mir wo sie wohnt, wo ich hingehen soll, was ich unbedingt anschauen muss. Die schönsten Orte von Paris, die schönsten Bauten.
Sie schwärmt für Architektur, sagt sie und das sei auch der Grund dafür, dass sie hier gerne lebe, trotz den Unannehmlichkeiten der Stadt.
"Morgen machen Sie dies und dann das und heute gehen Sie dorthin.Sonst haben Sie Paris nicht gesehen, Sie waren nur dort."
Sie hat Recht, ich sehe die prachtvollsten Bauten, die schönsten Ruheoasen und esse herrlich.
Ich würde am Liebsten Stunden mit ihr diskutieren.

Sie möchte, dass ich ihr meinen Namen notiere und die Stadt aus der ich komme.
Kein Wort verliert sie über die Preise, die sie erhalten hat, über ihre Arbeit, über ihre Besonderheit. Sie bleibt stolz und bescheiden zugleich und begegnet mir am selben Tag ein zweites Mal. Sie wohnt in einem prachtvollen Gebäude.
Sie schreibt nicht am PC, weil sie so niemanden beobachten kann. So sitzt sie in Cafés oder in einer Straße und schreibt.
Ich werde eine Lesung besuchen und habe zwei ihrer Bücher bestellt. Ich bin neugierig.
Ich möchte wissen, ob sie so schreibt, wie sie diskutiert, ob sie so frei und modern in ihren Büchern denkt. Ich möchte mehr wissen.
Ich habe einen Interviewausschnitt gefunden und ihn unten eingefügt. Das ist sie, das ist ihre Stimme. Auch Wikipedia und diese Seite gaben viele Informationen.
Insgesamt muss man nur ihren Namen bei google eingeben und man findet über 200000 Seiten.
Sie lebt in Paris und New York, hat diverse Preise und einen Ehrendoktortitel bekommen.
Ich bin fasziniert von dem, was sie mir gesagt hat, von ihr und ihrer Art.
Es ist kaum zu beschreiben, aber ich finde es mehr als interessant einem Fremden so nahe zu sein, den ich so bewundere.


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Der Beitrag passt nicht ganz hierein, da er sie kritisiert, allerdings ging es mir darum, dass jemand sich bei Belieben ihre Stimme anhören kann.

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